Wie in vielen Orten der Schweiz zeugt auch in Biel wenig von der Geschichte und dem Leben der tausenden Saisonniers, die hier gelebt und gearbeitet haben – zumindest in der breiten und offiziellen Erinnerungskultur. Wenn man sich auf die Suche macht, findet man dennoch Spuren. Angefangen bei den hunderten Häusern und Kilometern an Strassen, die Saisonniers im Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit gebaut haben. Die Karte «Biel/Bienne der Saisonniers» des Künstler:innenkollektivs RosaBrux und Elisa Géhin hebt diesen raumprägenden Beitrag der Saisonniers hervor.
Baustelle Kongresshaus Biel, um 1965 (StadtArchiv Biel)
Rosa Brux (Konzept / Recherche) / Elisa Géhin (Illustration), Biel/Bienne der Saisonniers des Saisonnières (NMB)
Gewisse ehemalige Treffpunkte, z. B. Kulturzentren der italienischen und spanischen Migrant:innen, bestehen noch, jedoch verschwindet allmählich die Erinnerung an diejenigen, die diese aufgebaut haben. Das Oral-History-Projekt «Saisonniers-Stammtische» des Neuen Museum Biel (NMB) im Rahmen der Ausstellung Wir, die Saisonniers… hat einzelne Erinnerungen festgehalten. Andere wichtige Orte in der Stadt sind jedoch verschwunden oder wurden zerstört, wie etwa die Cité Marie.
Cité Marie um 1960 (Sammlung Francis Siegfried / MemReg)
Die Saisonniers wohnten auch in Biel in meist bedürftigen Unterkünften wie Schöpfen, Mansardenwohnungen oder Baracken, die in der Regel vom Arbeitgeber organisiert wurden.
Wohnbaracke für Saisonniers einer Geleisebaufirma beim Rangierbahnhof Biel, um 1980 (NMB)
Die Unterkünfte lagen häufig in unmittelbarer Nähe zur Arbeit bzw. auf dem Firmenareal und gleichzeitig isoliert von der restlichen Gesellschaft. Die Wohnform der Saisonniers zeugt von Profitstreben der Arbeitgeber und der starken Abhängigkeit sowie Kontrolle von denselben.
Bührer-Areal Zaun, 2023 (Photographie: Florian Eitel)
Auf dem Areal der Baufirma Bührer wohnten bis zu 100 Saisonniers. Ein Teil von ihnen in der mittleren Hausreihe, andere in den Hinterbereichen oder im Dachstock der Werkstätte und des Materiallagers. Der Patron hauste in seiner prächtigen und mit allen Bequemlichkeiten ausgestatteten Villa gegenüber. In dessen Erdgeschoss befanden sich die Büroräumlichkeiten der Baufirma. Armut und Reichtum standen sich gegenüber, wobei das eine das andere bedingt.
Der Filmemacher Alvaro Bizzarri, ohne Datum
Der Filmemacher Alvaro Bizzarri hat Anfang der 1970er Jahre die Saisonniers der Firma Bührer mit der Kamera aufgesucht und deren Wohnverhältnisse sowie Sichtweisen festgehalten. Diese schweizweit einzigartigen Aufnahmen flossen in den Film «Il rovescio della medaglia» (1974) ein.
Die meisten Saisonniers-Unterkünfte wie diejenigen auf dem Bührerareal verschwanden im Laufe der Zeit. Entweder wurden sie durch Neubauten für die Saisonniers ab den 1970er Jahren ersetzt oder mit dem Ende des Saisonnierstatuts 2002 nicht mehr genutzt und allmählich abgerissen. Der Zufall wollte es, dass das Bührer Areal als nunmehr einzigartiger Zeuge der Lebens- und Machtverhältnisse aus der Zeit des Saisonnierstatuts erhalten blieb. Die letzten Saisonniers zogen Mitte der 1990er Jahre aus. Der Kanton Bern kaufte das Areal, denn an dessen Stelle sollte die Autobahn (A5-Westast) gebaut werden. Der zivilgesellschaftliche Widerstand (2017–2019) stoppte das bereits beschlossene Autobahnprojekt und bewahrte damit – unbewusst – diesesbauliche Denkmal aus der Zeit des Saisonnierstatuts.
Mariano Franzin an der Living Library vor dem abgeschlossenen Bührer-Areal, September 2023 (NMB)
Das Areal fristete einen Dornröschenschlaf bis 2023. Im Rahmen der Ausstellung «Wir, die Saisonniers... 1931–2022» im NMB rückte der längst vergessene Ort in den Fokus. An einer «Living Library» mit Zeitzeug:innen stand man noch vor dem verschlossenen Gitter und hörte einem pensionierten Gewerkschafter zu, wie er in den 1990er Jahren für bessere Wohnbedingungen der Saisonniers bei Bührer kämpfte. Ein paar Tage später besetzten Aktivist:innen das Areal und die Zeitkapsel öffnete sich. Seit 2025 wirken verschiedene Kollektive und Vereine auf dem «Quai du bas 30» und gestalten das Areal auf der Grundlage eines Zwischennutzungsvertrags mit dem Kanton Bern für die kommenden 15 Jahre. Der Verein Spuren der Saisonniers/Traces des Saisonnier·ère·s ist einer davon.
Hier finden Sie alle Termine zu Führungen, Veranstaltungen und Aktionen rund um das Projekt. Für Anmeldungen und Anfragen schreiben Sie an
verein-spuren-traces@proton.me
Spuren der Saisonniers/
Traces des saisonnier-ère-s
IBAN: CH97 8080 8009 4172 2677 1
Verein Spuren der Saisonniers/
Traces des saisonnier-ère-s
Wydenauweg 25
2503 Biel/Bienne
verein-spuren-traces@proton.me